Ausstellung

Kreuzkirche Eisenach

WELTENWECHSEL

Weltenwechsel – Der deutsch-russische Maler Georg Schlicht (1886 – 1964) zwischen Saratow und Eisenach

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Mobilität und mehrfache Ortswechsel sind ein Merkmal vieler Biographien von Künstlern der Moderne. Selten fielen Geburtsort, Ausbildungsort und Wirkungsort zusammen, denn persönliche Interessen und Bindungen oder Aufträge führten sie an unterschiedliche Orte, nicht selten auch jenseits der Grenzen des Heimatlandes. Neue Eindrücke und Bekanntschaften erweiterten den intellektuellen Horizont der Künstler und beförderten die eigene ästhetische Standortbestimmung. Doch nicht immer beruhten die Ortswechsel auf Freiwilligkeit. Die Kriege und revolutionären Umbrüche des 20. Jahrhunderts bescherten auch vielen Künstlern Flucht, Vertreibung oder Emigration. Einer von ihnen war Georg Schlicht, der bereits seit 1915 in Ufa und Birsk interniert und 1918 wie andere Deutsche aus Russland ausgewiesen wurde. Offensichtlich musste er bis dahin geschaffene Werke zurücklassen. So stand er mit 32 Jahren vor der schwierigen Aufgabe, sich im Herkunftsland seines Vaters, das er nur vom Hörensagen kannte, eine neue Existenz aufbauen zu müssen. Zu seinen Hauptwirkungsstätten wurden dann Eisenach, Hamburg und Berlin. In der thüringischen Stadt Eisenach begegnete er nicht nur seiner zweiten Frau,
Elisabeth Johannes, sondern fand in den 1920er Jahren auch einen temporären Wirkungsort und Bekannte, die sich wie er für Kunst interessierten. Die erhaltenen Bilder, Zeichnungen und Bücher von Georg Schlicht – Teile seines OEuvres verbrannten 1943 in Berlin während eines Bombenangriffes – zeugen von seiner anhaltenden Sehnsucht nach einem imaginären Russland, dem er sich ein Leben lang verbunden fühlte.

Herkunft und frühe Jahre
Georg Schlicht wurde am 27. Dezember 1886 in dem Dorf Wladykino im Gouvernement Saratow in Russland geboren.

Sein Vater, Oskar Georg Schlicht, gehörte zu jenen etwa 250.000 Russlanddeutschen, die seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert eingewandert waren. Zum Ende des 19. Jahrhunderts war ihre Zahl auf etwa 1,8 Millionen Menschen angewachsen. Laut der Volkszählung von 1897 bildeten die Deutschen im Russischen Reich mit einem Anteil von 1,4 % an der Gesamtbevölkerung die achtstärkste Nation. Bis zum Ersten Weltkrieg stieg die Zahl der Deutschen in Russland sogar auf 2,4 Millionen.
Das Gebiet um Saratow an der Wolga wurde schon unter Katharina II. zu einem der Hauptansiedlungsgebiete in Neurussland. Einheimische wie Neuankömmlinge, in der Mehrzahl Bauern, mussten sich mit schwierigen äußeren Bedingungen arrangieren, über die 1779 schon Peter Simon Pallas in seinen Reisebeschreibungen berichtet hatte. In kalten Wintern und heißen Sommern mangelte es in den Steppengebieten an ausreichend Niederschlägen, an der Wolga selbst waren die Böden hingegen nass und im Sommer war Hochwasser keine Seltenheit. Die ungünstigen Bodenverhältnisse erschwerten sowohl den Ackerbau als auch die Viehzucht. Zudem sorgte die häufige Umverteilung von Boden zusätzlich für Unsicherheit. Gleichwohl brachten der Weizen- und Tabakanbau und die Käseherstellung mit der Zeit trotz Missernten bescheidenen Wohlstand.
Oskar Schlicht wanderte Anfang der 1880er Jahre nach Russland ein. Als Ingenieur und Brunnenbauer verfügte er über berufliche Kompetenzen, mit denen er zur Verbesserung der Infrastruktur beitragen konnte. Er heiratete die aus einer altrussischen Adelsfamilie stammende Sofija Galjatina. Der Umstand, dass er im Unterschied zu vielen Landsleuten deutscher/preußischer Staatsangehöriger blieb, sollte nach der russischen Revolution 1917 nicht nur sein Leben, sondern auch das seines Sohnes Georg nachhaltig beeinflussen. Georg Schlicht wurde, wie es in solchen Fällen üblich war, russisch-orthodox getauft.