Ausstellung

Kreuzkirche Eisenach

WELTENWECHSEL

Weltenwechsel – Der deutsch-russische Maler Georg Schlicht (1886 – 1964) zwischen Saratow und Eisenach

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Zeit der Internierung 1915-1918
Die dramatischen Zeitläufte zu Beginn des 20. Jahrhunderts haben dazu beigetragen, dass Georg Schlicht als Künstler letztlich ohne Abschluss blieb. Als Deutsche waren Georg Schlicht und seine Familie vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges besonders betroffen. Schon 1914 war in Regierungskreisen vom Kampf gegen das “innere Deutschland” als große Gefahr für Russland die Rede, der bald auf allen Gebieten geführt wurde. Das Spektrum restriktiver Maßnahmen reichte von Festnahmen und Ausweisungen “feindlicher” Staatsangehöriger in entlegene Gouvernements über die Entfernung aus dem Militärdienst und die Schließung deutscher Kultur- und Bildungsstätten bis hin zum Entzug der Eigentumsrechte in Russland.
Georg Schlicht wurde 1915 in Ufa und später im 100 km nördlich davon gelegenen Birsk in Baschkirien, das 1897 ca. 8.600 Einwohner hatte, interniert. Zu diesem Zeitpunkt waren weiter westlich gelegene Aussiedelungspunkte, darunter Saratow, bereits überfüllt. Durch die Internierung blieben Georg Schlicht deutschfeindliche Pogrome in Moskau im Juli 1915 erspart. Aus einem Beglaubigungsschreiben der Straßenbauabteilung der Birsker Kreis-Landverwaltung geht hervor, dass Georg Schlicht in Birsk als Architekt tätig und an der Fertigstellung eines administrativen Gebäudes Ende 1916 beteiligt war. Bedeutungsvoller war etwas anderes. Durch seinen Aufenthalt im südlichen Uralvorland prägte sich die patriarchale Bildwelt der russischen Provinz mit ihren
Holzhäusern, überkuppelten Kirchen und Pferdeschlitten, den legendären Troikas, tief in sein Gedächtnis ein. Später verschmolz sie in seinen Gemälden mit entsprechenden Motiven mit der Erinnerung an thematisch ähnliche Bilder von bekannten Künstlern wie Wassili Surikow (1848–1916), Boris Kustodiew (1878-1927) oder Boris Grigoriew (1886–1939). Wie kaum ein anderes Sujet wurde gerade die Troika für Georg Schlicht zum Inbegriff russischen Lebens, ja des Lebens überhaupt zwischen Verklärung, Dramatik und Rausch. Bisher musste man davon ausgehen, dass keine Werke aus seiner Frühzeit erhalten geblieben sind. Die Galerie “Art – Expert” in Ufa gibt jedoch an, von Georg Schlicht das Bild Beim Wasserholen (1915, Öl auf Leinwand, 70,5 x 84,5 cm), das zwei sitzende Frauen am Ufer eines Gewässers zeigt, zu besitzen.
Nach Abschluss des Friedensvertrages von Brest-Litowsk, der am 3. März 1918 zwischen den Mittelmächten und Sowjetrussland unterzeichnet wurde, kam Georg Schlicht zwar frei, wurde aber des Landes verwiesen. Drei Monate später, am 21. Juni 1918, erhielt er im Rückwanderlager Suwalki, Ostpreußen, einen vorläufigen Personalausweis, mit dem er schließlich über Hölschloch und Surburg i. Elsass zunächst nach Stuttgart gelangte.

Vorläufiger Personalausweis von Georg Schlicht, 1918. Georg Schlicht- Stiftung, Eisenach

Vorläufiger Personalausweis von Georg Schlicht, 1918. Georg Schlicht-Stiftung, Eisenach