Ausstellung

Kreuzkirche Eisenach

WELTENWECHSEL

Weltenwechsel – Der deutsch-russische Maler Georg Schlicht (1886 – 1964) zwischen Saratow und Eisenach

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Fürsprecher fanden sich auch in der realen Welt. Mit Unterstützung von Max Liebermann (1847–1935), dem 1920 berufenen Präsidenten der Preußischen Akademie der Künste, gelang es Georg Schlicht, 1922 an der Juryfreien Frühjahrsausstellung der Akademie am Pariser Platz mit drei Werken teilzunehmen. Aufsehen erregte das großformatige Ölbild Gottesmutter, Freude aller Bekümmerten, das unter dem Titel Schwarze Madonna ausgestellt war. Das in dunklen, gesättigten Farben gehaltene Gemälde beeindruckt mit dichten, sich gegenseitig überblendenden Formen und gestaffelten Lichtbahnen. Die monumentale und gleichzeitig vielteilige Komposition wird von der nah an den Betrachter herangerückten und doch in einer anderen Sphäre verankerten Gottesmutter vom Typ der Eleusa, der Barmherzigen dominiert.

Georg Schlicht: Kreuzabnahme und Beweinung Christi. 1922, Öl auf Leinwand, 144 x 155 cm, Georg Schlicht-Stiftung, Eisenach

Georg Schlicht: Kreuzabnahme und Beweinung Christi. 1922, Öl auf Leinwand,
144 x 155 cm, Georg Schlicht-Stiftung, Eisenach

Der hell aufleuchtende Ärmel lenkt den Blick auf ihr ernstes Gesicht, das die Wange des aus dem Bild herausschauenden Christus-Kindes berührt. Links oben wird die zentrale Gruppe von einer Engelsfigur und der segnenden Hand Gottvaters flankiert, rechts unten kommen zwei Kirchgängerinnen ins Spiel. Mit dieser modernen Auslegung eines orthodoxen Madonnentyps traf Georg Schlicht offensichtlich einen Nerv der Zeit – nämlich das Bedürfnis nach geistiger Rückversicherung in einer als krisenhaft empfundenen Welt.
Für Georg Schlicht blieben religiöse Sujets bis an sein Lebensende wichtig, wobei er sich auch mit westlichen Sujets und Darstellungskonventionen auseinandersetzte. Ein frühes Beispiel dafür ist die ebenfalls 1922 entstande¬ne, in seiner Expressivität von Michail Wrubel beeinflusste und mehrfach ausgestellte Kreuzabnahme und Grablegung. Beide Sujets sind in der Orthodoxie ungebräuchlich, da sie die menschliche Natur Christi in den Vordergrund stellen. Georg Schlicht verbindet sie mit byzantinisch-russisch ge-prägten Elementen wie Zwiebelkuppeln und Blumenmuster des Lendentuches, dunkle Farben und Weißhöhungen und umgekehrte Perspektive. Auch die Zusammenführung zwei¬er Sujets war in der altrussischen Kunst verbreitet.
Georg Schlicht war auch in die Bereicherung des Berliner Theaterlebens der frühen 1920er Jahre durch die russischen Emigranten involviert. Er schuf u.a. Entwürfe für Bühnende¬korationen und Kostümentwürfe für das Ballett Feuervogel nach Musik von Igor Strawinsky (1882–1971) für das Gast¬spiel der Truppe von Anna Pawlowa (1881–1931), die seit den 1910er Jahren wiederholt in Deutschland gastierte. Im Bereich der Oper sind Entwürfe für Sadko und Das goldene Hähnchen von Nikolai Rimski-Korsakow (1844–1908) sowie für Boris Godunow von Modest Mussorgski (1839–1881) zu nennen. Es entstanden aber auch Entwürfe für Nachtasyl von Maxim Gorki (1868-1936), der 1922 nach Deutschland kam, sowie für Der Revisor nach Nikolai Gogol (1809-1852) für Stuttgart.
Die in Aquarelltechnik ausgeführten Figurinen und Szenenentwürfe von Georg Schlicht sind eine Weiterführung der dekorativen und farbintensiven russischen Szenographie, wie sie in Russland seit den 1890er Jahren von Künst¬lern wie Wiktor Wasnezow (1848–1926), Wassili Polenow (1844–1927), Michail Wrubel, Konstantin Korowin, Alexan¬der Golowin (1863-1930), Alexander Benois (1870–1930) oder Natalia Gontscharowa und Michail Larionow entwi¬ckelt worden war. Seit den Auftritten der legendären Ballets Russes von Sergei Djagilew (1872–1929) wusste man die märchenhafte russische Überwältigungsästhetik auch im Westen zu schätzen. Für die russischen Emigranten, aber auch für den Deutsch-Russen Georg Schlicht bedeutete der nostalgische und wohlmeinende Blick auf die vertraute Bildwelt in der Fremde ein Stück Heimat. Ob alle erhaltenen Entwürfe von Georg Schlicht tatsächlich für Aufführungen benutzt wurden, ist fraglich, doch erreichten sie in Gestalt von Postkarten ein breites Publikum.